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Energieeffizienz ohne Ecken und Kanten

Passivhäuser benötigen nur wenig Energie, um in Sommer und Winter ein angenehmes Raumklima zu erzeugen. Möglich macht dies auch eine wirksame Wärmedämmung.

Rundherum gedämmt – der Einsatz der XPS Wärmedämmung

Ein wenig extravagant sticht das runde, holzverkleidete Gebäude von Peter und Erika Dollinger aus der umgebenden Bebauung heraus. Ihr im November 2010 fertiggestelltes Eigenheim beeindruckt nicht nur optisch, auch von innen macht das neue Domizil des Rent­nerpaars einiges her: Als Passivhaus erfüllt der eingeschossige Rundbau im bayrischen Adelzhausen höchste Ansprüche an die Energieeffizienz. In dem 1.200-Einwohner-Ort wur­de einst eines der ersten Passivhäuser Süddeutschlands realisiert – dank Werner Friedl, der auch das Objekt der Dollingers entworfen hat. Seit mehr als zehn Jahren baut der ortsan­sässige Architekt nur noch Passivhäuser. Aus Überzeugung. „In zehn Jahren ist das Passiv­haus als Bauweise etabliert“, schätzt Friedl. Der vom Passivhaus Institut zertifizierte Passiv­haus-Planer erhielt 2006 den Umweltpreis seines Landkreises Aichach-Friedberg. „Ich baue keine neuen Altbauten. Wer heute noch nach den Vorgaben des Mindestwärmeschutzes baut, wird sich bereits in wenigen Jahren über seinen Altbaustandard ärgern – und die EnEV ist letztendlich Altbaustandard“, sagt der Architekt. Von den Vorteilen eines Passivhauses konnte Friedl die Dollingers schnell überzeugen, denn das Paar kannte bereits frühere Projekte des befreundeten Architekten.

Mit seinem Schmuckstück hat Friedl eine Baulücke am bestehenden Gewerbebetrieb der Dollingers geschlossen. Traditionell sind Passivhäuser mehrstöckig, um Grund- und Außen­flächen möglichst klein zu halten. Das Rentnerpaar wünschte sich indes ein eingeschossi­ges Gebäude, damit sie auch in Zukunft barrierefrei leben können. Als Bauherren konnten sie sich diesen Wunsch erfüllen. Mit einem Durchmesser von 8,90 Metern stehen dem Rent­nerpaar im Rundbau 115 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung, inklusive eines Well­nessbereichs mit Sauna. Doch nicht nur der kreisförmige Grundriss und die relativ große Au­ßenfläche machten das Projekt knifflig: Dadurch, dass an einen vorhandenen Betrieb ange­baut wurde, konnte Friedl an gleich zwei Gebäudeseiten keine Öffnung für Lüftung und Belichtung einfügen.

Passivhausstandard dank exzellenter Wärmedämmung

Passivhäuser zeichnen sich durch ihren extrem niedrigen Primärenergiebedarf aus. Gemäß den Standards des Darmstädter Passivhaus-Instituts dürfen sie im Jahr maximal 15 Kilo­wattstunden Heizwärme pro Quadratmeter beheizter Fläche benötigen. Um diesen Maßstab zu erfüllen, ist eine optimale Wärmedämmung nötig. Sie verhindert Energieverluste und gewährleistet ein behagliches Raumklima, das den für Heizen und Kühlen nötigen Aufwand so weit wie möglich reduziert. Hierbei zählt nicht nur der winterliche Wärmeschutz – auch im Sommer müssen in Passivhäusern angenehme Temperaturen herrschen. „Die Wohnräume müssen zu jeder Jahreszeit behaglich temperiert sein – und das möglichst natürlich. Das bedeutet auch, dass sich das Haus im Sommer nicht unangenehm aufheizen darf“, erklärt Architekt Friedl.
Um Wärmeverluste an das Erdreich zu verhindern, hat Friedl für das Haus der Dollingers erstmals ein Wärmedämm- und Schalungssystem für Bodenplatten verwendet. Dadurch, dass Dämmung und Schalung in einem Element vereint sind, ist eine zusätzliche Ausscha­lung nicht mehr nötig. Die Betonplatte liegt direkt auf der Dämmung, die im Erdreich ver­bleibt. Werner Friedl und die Dollingers haben so nicht nur jede Menge Zeit sondern auch bares Geld gespart. Zudem vermeidet die patentierte Stecktechnik Verlegefehler und schließt die Entstehung von Wärmebrücken systembedingt aus. Gerade im Stirnbereich und an den Anschlüssen von Wand zu Fenster entstehen solche energetischen Schwachstellen häufig. Schlimmstenfalls führen sie zu Schimmelbildung und schaden der Bausubstanz.
Die Dämmplatten bestehen aus extrudiertem Polystyrol-Hartschaumstoff (XPS), einem druckresistenten, feuchtigkeits- und witterungsunempfindlichen Material mit geschlossener Zellstruktur, das sich für Dämmvorhaben wie das Adelzhausener Passivhaus ideal eignet. Denn die Platten können mit bis zu 30 Tonnen pro Quadratmeter belastet werden und sind damit höchsten Ansprüchen gewachsen. Dass der Grundriss des Rundbaus von der Norm abweicht, stellte hier kein Problem dar. Anhand des Plans fertigte der Hersteller maßge­schneiderte Platten vor, sodass keine zusätzlichen Nacharbeiten auf der Baustelle mehr nötig waren. Werner Friedl hat seit dem Neubau von Familie Dollinger bereits mehrfach auf das Stecksystem zurückgegriffen, mit dem er nicht nur mindestens einen Tag Arbeit spart, sondern auch spätere Nachbesserungen, die mit hohen Kosten und erheblichem Aufwand verbunden sein können, vermeidet.

Jeder Raum ein Platz an der Sonne

Neben der wirksamen Dämmung verdankt das Passivhaus seinen niedrigen Energiebedarf vor allem der speziellen Bauweise sowie seiner Heiztechnik. Es ist mit großer Fensterfront Richtung Süden ausgerichtet, sodass an schönen Tagen Sonnenlicht von morgens bis abends jeden Raum durchdringt. Über die Fenster gelangt dadurch ganz natürlich solare Energie ins Rauminnere und sorgt für ein angenehmes Wohnklima. Was im Winter und der Übergangszeit die großen Fenster besorgen, übernehmen bei großer Hitze Jalousien und Markisen. Sie sind mit Wind- und Sonnenwächtern versehen. Wenn die Sonne auf das Haus trifft, fahren sie automatisch herunter und schützen die Innenräume vor unangenehmer Hitze. Die Massivbauweise lässt das Gebäude träge auf Temperaturschwankungen reagieren und sorgt deshalb für ein gleichbleibendes Temperaturniveau in Winter und Sommer.
Für Warmwasser und Heizwärme sorgt eine solarthermische Anlage auf dem Dach – auch das ist ein Kriterium für Passivhäuser. So filtern Dollingers ihre Energie aus der Sonne und heizen ganz ohne CO2-Emissionen. Die Wärme wird über eine Fußbodenheizung, die sich raumweise regulieren lässt, im Haus verteilt. Sollte das Paar im Winter und zu Spitzenlast­zeiten einmal mehr Heizenergie benötigen, nutzen sie einen Pellet-Primärofen, der als zentraler Punkt das Herzstück des runden Hauses bildet. Da die Fenster, die Kollektoren und auch die Wärmerückgewinnung ihres Lüftungssystems für ausreichend Heizenergie sor­gen, bedauern es Dollingers beinahe, dass sie den gemütlichen Ofen nicht öfter in Betrieb nehmen werden. Neben den Solarkollektoren findet sich vor allem sehr viel Grün auf dem Dach. „Solche Gründächer setzte ich sehr gern um. Es geht darum, der Natur etwas von dem, was man ihr nimmt, zurückzugeben. Die vorkultivierten Vegetationsmatten sind pflegeleicht, schützen die Abdichtung und das Dach“, erklärt der Architekt den zusätzlichen Blickfang.
Die Mehrinvestition in den außergewöhnlichen Neubau mit Passivhausstandard wird sich in 10 bis 15 Jahren amortisiert haben. Für Heizung und Warmwasser müssen Dollingers nur etwa 180 Euro im Jahr kalkulieren. Finanziert hat das Paar den Bau über eine Förderung durch die bundeseigene KfW-Bankengruppe. Sie vergibt zinsgünstige Darlehen für energie­effizientes Bauen. Da Dollingers selbst lange im Bausektor gearbeitet haben, konnten sie sich während der gut 18-monatigen Bauphase optimal einbringen und selbst Hand anlegen. Dadurch hat auch der ungewöhnliche Schnitt des Hauses die Kosten nicht erhöht.